Im Skisprung-Weltcup könnte sich schon bald eine der ältesten Gewohnheiten des Sports ändern. Der Internationale Ski- und Snowboardverband FIS hat bei seiner Herbstsitzung in Genf ein neues Modell für die Startreihenfolge vorgestellt, das die Qualifikation deutlich stärker gewichtet als bisher. Wie Laola1 und skispringen.com übereinstimmend berichten, soll das System bereits Ende Oktober beim Finale des Sommer-Grand-Prix im sächsischen Klingenthal erstmals im Wettkampf getestet werden.
Die Qualifikation entscheidet über die Startliste
Bisher richtet sich die Reihenfolge im ersten Durchgang eines Weltcup-Springens nach dem Stand im Gesamtweltcup: Die Besten der Wertung springen zuletzt und profitieren davon, die Konkurrenz und die Bedingungen genau beobachten zu können. Nach dem in Genf präsentierten Modell soll der Gesamtweltcup künftig nur noch für das Training und die Qualifikation am Freitag herangezogen werden. Diese Qualifikation wird weiterhin nach den regulären Weltcup-Regeln ausgetragen.
Neu ist, was danach passiert: Das Ergebnis der Qualifikation bestimmt direkt die Startliste für den ersten Einzelbewerb des Wochenendes, in der Regel am Samstag. Gesprungen wird in umgekehrter Reihenfolge. Bei den Männern eröffnet der 50. der Qualifikation den ersten Durchgang, der Qualifikationssieger springt mit der Startnummer eins als Letzter. Bei den Frauen gilt das gleiche Prinzip für die besten 40 der Qualifikation.
Damit verliert die Position im Gesamtklassement einen Teil ihres bisherigen Vorteils. Wer am Samstag die begehrte letzte Startposition haben will, muss sie sich am Freitag mit dem besten Sprung der Qualifikation verdienen – unabhängig davon, ob er oder sie das Gelbe Trikot trägt.
Folgen für Doppel-Wochenenden
Besonders spürbar dürfte die Reform an Weltcup-Orten mit zwei Einzelspringen an einem Wochenende werden. Laut skispringen.com betrifft das unter anderem Wisła, Titisee-Neustadt, Engelberg, Willingen und Oslo. Wer dort am Freitag in der Qualifikation scheitert, verpasst nach dem neuen Modell das komplette Wettkampfwochenende, da auch der zweite Bewerb auf diesem Ergebnis aufbaut.
An gemeinsamen Wochenenden von Männern und Frauen soll Laola1 zufolge am Sonntag gar keine eigene Qualifikation mehr stattfinden. Die Startberechtigung für den Sonntag sichern sich dann die Besten des Samstagsbewerbs, deren Ergebnis zugleich die Reihenfolge vorgibt. Der Druck auf die Athletinnen und Athleten verlagert sich damit spürbar nach vorne: Ein misslungener Qualifikationssprung kann künftig gleich zwei Weltcup-Chancen kosten.
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Bevor die Neuerung im Winter eingeführt wird, soll sie in Klingenthal den Praxistest bestehen. Dort steigt vom 23. bis 25. Oktober das Finale des diesjährigen Sommer-Grand-Prix. Die Vogtland Arena wird damit zum Versuchslabor für ein Format, das die Dramaturgie eines Weltcup-Wochenendes grundlegend verändern würde. Endgültig beschlossen ist die Reform nach aktuellem Stand noch nicht; zunächst handelt es sich um eine Testphase.
Für Teams wie Deutschland, Österreich und Slowenien, die regelmäßig mehrere Springer in der Spitze haben, stellt sich vor allem die taktische Frage, wie viel Risiko man künftig in der Qualifikation eingeht. Bisher galt der Freitag für etablierte Athleten oft als Pflichtaufgabe, bei der es vor allem darum ging, sicher unter die besten 50 zu kommen. Künftig wäre er der Schlüssel zur besten Ausgangsposition.
Ob sich die Neuerung bewährt, zeigt sich zunächst in Klingenthal. Fällt der Test positiv aus, soll das Modell laut skispringen.com bereits im Weltcup-Winter 2026/27 zur Anwendung kommen – an Weltcup-Orten wie Engelberg, Willingen oder Oslo wäre der Freitag dann der wichtigste Tag des Wochenendes.



